Pakistan Teil II: Die Rhythmen der dhol

Ruhig und gelassen schnaubt der stattliche Schimmel die Luft aus seinen Nüstern, während ihm der Sattel noch etwas strammer gezogen wird. Die festlich gestriegelten “Kampfmaschinen” sind Teil des sich uns dargebotenen Wimmelbildes, auf einem uns noch unbekannten Terrain.
Am Rande des Spielfeldes versteckt sich im großen Durcheinander eine hockende Traube in einheitlicher Robe, womöglich im letzten taktischen Austausch darüber, wie wohl der Gegner in der nächsten Stunde in die Knie zu zwingen ist. Spielfläche, Tribünen und angrenzende Mauern sind gesäumt von einem durchweg männlichen Hutgeschwader. Inmitten von ihnen sichten wir einen jungen Mann mit fein drapierten Kokosnussstücken auf rundem Silbertableau, frohen Mutes, am heutigen Tag ein gutes Geschäft zu machen. Über all ihren Köpfen findet sich auf den Dächern die nächste heranwachsende Generation, die gedankenverloren dem Treiben zusieht oder Fangen spielt.
Unser letzter Tag in Gilgit bietet eine große Portion Unterhaltung. Es geht um den Titel beim lokalen Polofinale: die hiesigen Gastgeber gegen eine Mannschaft von  auswärts!
Der einzigartige Klang der dhol (hiesige Trommel) trifft auf das emsige Treiben des Stimmenmeeres der Zuschauer, eine Flöte begleitet die musikalische Reise und die Besucher überlassen Reiter und Pferd das Feld. Die erste Halbzeit kann beginnen.
Nachdem wir mit unseren Blicken dem Ball in hohem Bogen ins Spielfeld folgen, verlässt dieser sogleich im Geschwirr der Poloschläger erneut unser Radar. Wir entdecken erneut den Schriftzug auf der gegenüberliegenden Tribünenwand: “Die einzige Regel ist, dass es keine Regeln gibt!”, dessen Credo den Spielverlauf erbarmungslos bestimmen wird.

Dieses äußerst schnelle Spektakel hat es wirklich in sich. Sobald sich auch nur eine kleine Lücke im Durcheinander bietet, wird mit dem Poloschläger kräftig ausgeholt und zum Schuss angesetzt. Geht der Schläger zu Bruch, was nicht selten passiert, wird von den in Fülle bereitstehen Assistenten in aller Eile ein neuer bereitgestellt und im Trab überreicht. Beim Eifer um den Ball kann man den Reitern zeitweise sekundenlang dabei zusehen, wie diese über dem Pferd des Gegners hängend oder eng aneinander gepresst, versuchen, mit nötiger Hartnäckigkeit Oberhand über den Ball zu gewinnen. Wir staunen nicht schlecht beim Kampf der Rivalen und haben gleichzeitig Mitleid mit den tapferen Tieren, die nicht selten den Schläger am eigenen Leib spüren.
Während ein anderer Schaulustiger seine Geheimnisse hinsichtlich der lokalen pflanzlichen Viagrawundermittel lediglich mit Nikolas teilen mag, füllt sich das Spielfeld während der Pause erneut. Diesmal schwingen begeisterte Freizeittänzer und Poloenthusiasten mit ihren expressionistischen Tanzbewegungen die eigene Hüfte, die Hände dabei gen Himmel gereckt. Der Boden bebt und das Flöten- und Trommelspiel hält die Masse für weitere Minuten in Bewegung.
Nach einer mindestens genauso intensiven zweiten Halbzeit ist schließlich wohl auch jedes Pferd erleichtert und froh gestimmt, als der Schlusspfiff ertönt.

Auf dem Weg zu unserer Unterkunft schauen wir überraschenderweise in ein uns aus dem virtuellen Netz bekanntes Gesicht. Es ist der Straßenverkäufer mit dem Rauschebart, der wohl für jeden Menschen auf Erden ein Lächeln zu verschenken hat. Auf seine kulinarischen Zaubereien aus seinen großen Töpfen lud er in der Vergangenheit bereits einen Videostar der Plattform Youtube und Freund unbekannter Köstlichkeiten auf eine Kostprobe ein: Mark Wiens mit der wohl schönsten Erwerbstätigkeit auf Erden – kein Mensch probiert so ausdrucksstark Unbekanntes wie Mark! So sind auch wir voller Freude, ihm durch so einen glücklichen Zufall zu begegnen.

Der Mann auf dem Vorschaubild ist der nette Übeltäter.

Doch das Glück wendet sich. Aus Freude wird Schmerz und wir verbringen die nächtlichen Stunden wechselartig mit Krämpfen im Bett oder kämpferisch auf der Toilette. Unabhängig davon, dass so ein unglücklicher Magen wohl nie so richtig ins Leben passt, birgt die 20-stündige Autofahrt am nächsten Morgen nach Islamabad keinen Funken Freude. Die meiste Zeit fühlen wir Schlaglöcher der größten Sorte beim langsamen Überqueren durch die Polster an unseren Körpern und werden darüber hinaus durch das herunter fallende Geröll an den Berghängen auf der Fahrt über die schlechtesten Straßen des Karakoram-Highways in unserem Vorankommen immer wieder gebremst.
Tahir, unser erfahrener und tapfere Mann am Steuer und zufällig auch Couchsurfer aus Islamabad hat nach der ersehnten Ankunft in der Hauptstadt Erbarmen mit uns und lässt uns für eine weitere Nacht in seinem Gästebett ruhen.

Nach 2 Wochen sind wir nun also mal wieder in einer größeren Stadt. Eine Stadt ohne alte Gemäuer oder Jahrhunderte alter Geschichte. In den 1960er Jahren aus dem Nichts erschaffen, übernahm sie nach Karachi im Süden den Posten als Hauptstadt des Landes und gilt heute als die Metropole Pakistans mit den höchsten Lebenshaltungskosten.
Bei meinen ersten Schritten hinaus, auf der Suche nach den Basisprodukten jener Tage wie Toilettenpapier und Wasser begegnen mir ein Dutzend bettelnder Kinder vor modernen Cafés. Der Kontrast zwischen Arm und Reich könnte nicht deutlicher sein. Daneben sehe ich zwischen parkenden Autos zahlreiche Männer, die zu Boden knien und ihr mittägliches Gebet abhalten. Der erste Eindruck hier verwirrt mich und lässt mich leicht verstört ins Krankenzimmer zurückkehren.

Wie schon in Gilgit sind auch hier die pakistanischen Couchsurfer sehr gut miteinander vernetzt und mithilfe von Tahir begrüßt uns für die nächsten Tage ein paar Straßen weiter Amir in seiner IT-WG. Die selbstständigen Softwareingenieure und Grafiker arbeiten für AuftraggeberInnen aus dem Ausland und beginnen wegen der Zeitverschiebung erst in den Abendstunden ihren Arbeitstag, so erklärt er das Bild der überall zu findenden, schlummernden, jungen Leute beim Eintreten in seine Wohngemeinschaft.

Mit weiterhin grimmigen Mägen besuchen wir die Faisal Moschee und verirren uns auf der Suche nach einem WC im städtischen Zoo. Zuvor machen wir unsere erste Bekanntschaft mit frei lebenden Pavianen, die sich die Müllhalden am Stadtrand mit zahlreichen Wildschweinen teilen. Islamabad hat aber auch viel Grün zu bieten und birgt eine schöne Aussicht auf die tropisch erscheinende Hügellandschaft in der Ferne, auch wenn die Stadt darüber hinaus einen eher zusammenhangslosen Anschein, mit seinen meist weit von einander entfernten Wohnbezirken und langen Wegen mit trister Umgebung, macht.

Gemeinsam auf Amirs Moped finden wir den Weg zu seinem favorisierten Süßigkeitengeschäft, während wir an den anderen Tagen als Trio zum ersten Mal auch in der Stadt das Trampen ausprobieren. Amir erzählt uns von seiner Vorliebe für große Frauen und seine Faszination, die Welt zu entdecken. Er wird in den nächsten Wochen für ein Praktikum nach Russland reisen, auf Wodka auch weiterhin verzichten und ganz sicher in den nächsten zwei Jahren ein Frau, ausgewählt von der Familie, zur Ehefrau nehmen. Die Liebe, so sei er sich sicher, komme mit der Zeit schon ganz von selbst.
Seine Neugier und sein jugendlich naiver Charme lässt uns Amir ans Herz wachsen und wir verbringen zusammen eine schöne Zeit, bei der er am Ende nochmal ein paar Details über den für ihn noch unbekannten französischen Kuss erfragt.

Durch Laura, eine gute Freundin aus alten Kindertagen und ihren Mann Ahsan aus Pakistan, die derzeit in Stockholm leben, haben wir das Glück, noch ein bisschen mehr in die pakistanische Kultur einzutauchen und werden überaus herzlich von Javed, Ahsans Vater und seiner Familie, in Wah Cantonment nahe Islamabad empfangen. Wir genießen noch etwas vorsichtig die so schmackhaften Kochkünste, die uns täglich von Kausar, Ahsans Mutter, in Hülle und Fülle dargeboten werden. Aufgrund unserer Anwesenheit bleibt Javed am darauffolgenden Tag seiner Arbeit fern und schlägt sich mit uns tapfer durchs archäologische Museum, für das er sich auf Nachfrage selbst eher weniger interessiert.
Javed liebt es zu erzählen und so erfahren wir umso intensiver um die immense Bedeutung, die der islamische Glaube für ihn und seine Familie hat. Als wir allerdings wissen wollen, welche Meinung er zu der These hat, dass der Islam derzeit die anfälligste Religion für Extremismus ist, bleibt er uns eine Antwort schuldig. Für ihn sind die Terroristen von Al Quaida und dem IS keine Moslems. Ende der Diskussion.
Javed ist auch ein erfolgreicher Geschäftsmann und für all das Glück, welches erfahren hat, hegt er im Gegenzug große Zukunftspläne. Um der geringen Anzahl an Krankenhäuser und der damit verbundenen, schlechten medizinischen Versorgung in Pakistan entgegenzuwirken, will er ein eigenes Krankenhaus bauen, indem auch seine Töchter als Ärzte arbeiten können.

Es ist angerichtet. Im Kreise von Ahsans Familie.
Mit Javed auf dem Lok Mela Festival.

Und dann beginnt auch schon unsere letzte Woche, in einer Stadt, die wir uns an jenen Tagen zusammen mit über 11 Mio. anderen Menschen teilen werden. Eine davon ist Guliafshan.
Die wohl bekannteste Motorradfahrerin in Pakistan begrüßt uns nach unserer Ankunft mit dem Bus auf ihrem BMW-Gefährt mit Helm. Anderen Frauen begegneten wir im öffentlichen Leben zwar auch vereinzelt auf den Straßen und auf den Rücksitzen von Männerhand geführten Zweirädern. Eine Frau, eigenständig bzw. alleine auf einem Motorrad ist im pakistanischen Straßenverkehr allerdings still und ergreifend nirgends zu finden.
Die wenigen, die es versuchen, laufen Gefahr, durch männliche Anfeindungen und  gesellschaftliche Intoleranz im Straßenverkehr bedrängt zu werden.
Auch Guli erzählt von respektlosem Umgang ihr gegenüber auf den Straßen. Doch sie bietet all denjenigen, die sie einschüchtern oder zu bedrohen versuchen, ihre tapfere Stirn.
Guli hat scheinbar unerschöpfliche Energie, nutzt ihre Bekanntheit, um bei angefragten Interviews für Radio- oder Fernsehsendern, die Öffentlichkeit für jenes Thema zu sensibilisieren, mehr Akzeptanz für das weibliche Geschlecht im öffentlichen Raum und generell, das Recht auf mehr Unabhängigkeit zu schaffen.

Die pakistanische Künstlerin Shezil Malik, die ich im Leipziger Museum für Bildende Künste traf, wirbt mit ihrer Kunst für die Gleichberechtigung pakistanischer Frauen.

Da Guli erst vor kurzer Zeit von Islamabad nach Lahore gezogen ist, gehen wir zusammen mit anderen Gästen ihrer Couch auf Erkundungstour in der bekannten Probiermeile im Stadtteil Gawalmandi, wagen uns an in Öl schwimmenden Frühstücksspeisen und besuchen die Wazir Khan Moschee, eine Oase der Ruhe. Dank Gulis Kommunikationstalent können wir sogar einen Blick von oben auf die Stadt erhaschen, sehen auf die vielen anderen Flachdächer und erkennen dabei die Liebe der hiesigen StadtbewohnerInnen zum Federvieh, der bei uns eher unbeliebten Taube.
Das heute als Mädchenschule genutzte, aus dem 19. Jahrhundert stammende mehrstöckige Stadthaus mit Innenhof, auch Haveli genannt, erzählt mit den bunten Pinselstrichen an den Wänden Geschichten aus der vergangenen Zeit der Sikh-Ära und ist wohl die schönste Schule aller Zeiten.
Jene alten Bauten, von denen sich noch viele weitere in anderen Ecken und Winkeln verbergen, befinden sich allesamt im alten Stadtkern der über 2000 Jahre alten Metropole, welche durch die 6 verbliebenen alten Eingangstore Zugang ins Labyrinth der kleinen, geheimnisvollen Gassen bietet.

Am letzten Abend begeben wir uns auf eine spirituelle Reise. Wir besuchen den Madhu Lal Hussain Shrine aus dem 16. Jahrhundert. Der hindustische Madhu La und dem Sufismus zugewandte Dichter Sufi Schah Hussain, stehen mit ihren unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen durch ihre Beisetzung an der gleichen Grabstätte symbolisch für interreligiöse Einigkeit.

Jeden Donnerstag Abend wird hier, wie auch an vielen anderen Schreinen der Stadt, von der Glaubensgemeinschaft der Sufis, der im Islam wöchentliche Feiertag, Jummah, in Form der Dhamal Zeremonie begangen.
Der Sufismus kann als mythische Ausprägung des Islams beschrieben werden, die neben dem täglichen Gebet, durch Meditationen und musikalische Übungen das Ziel verfolgt, ihrem Gott etwas näher zu kommen. Das Ritual des Dhamal kann dabei speziell den Sufis in Pakistan und Indien zugesprochen werden.
Wir kommen den Schlägen der dhol Trommeln näher und neben Platz zwischen Männern mit dunklem Lidstrich und mit Henna gefärbtem Haar, welches verstohlen aus den Turbanen hervorlugt. Entfesselte und enthemmt sich zur Musik bewegende Körper schaffen etwas Geheimnisvolles zwischen dem gedämmten Licht der Öllampen. Die pochenden Schläge der dhol lassen die Anhänger mit ihrer weiten Kleidung manchmal minutenlang um die eigene Achse rotieren, die Köpfe mit ihren langen Haaren in ekzessiver Bewegung, während sie mit ihren Fußrasseln abwesend in den Boden stampfen. Die Meister an den Trommeln versprühen das Gefühl von Leichtigkeit, wenn sie inmitten der pulsierenden Glieder ihre umgehängte dhol in kreisenden Bewegungen in einen Schwebezustand versetzen, ohne dabei die Kontinuität eines gleichmäßigen Rhythmus zu verlieren.
Jener Zustand, den man von außen betrachtet, als eine Art Trance beschreiben könnte, ist bei den Teilnehmenden mit dem Glauben verknüpft, in jenem neu erlangten Bewusstseinszustand in göttlichen Kontakt zu treten und dem eigenen Gott dadurch ein wenig näher zu sein.

Mit diesem Feuerwerk der Farben und Klänge enden unsere 4 Wochen in einem uns zuvor unbekannten Land, welches uns nicht weniger kontrastreich hätte begegnen können. Fragil und zerbrechlich scheint das wieder aufkommende Reiseziel, im Spannungsfeld alter Traditionen und Normen und modernen Strukturen und Lebensweisen.

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