Thailands Süden – von Pai nach Koh Phangan

Möwen umkreisen das Gefährt, in dem wir Platz genommen haben. Während eine frische Brise schmeichelhaft an den eigenen Nackenhaaren herumspielt, trifft dunkles Himmelblau auf helles türkis und breitet sich glänzend im Sonnenschein vor unseren Augen als märchenhaftes Wellenschauspiel bis zum Horizont aus.
Wir haben Fahrtwind aufgenommen und seit langer Zeit auch mal wieder etwas zu berichten. Ein paar kleine neue Abenteuer stehen bevor und uns trennt nur noch ein Mausklick vor einer Rückkehr nach Griechenland und somit nach Europa. –

Den Juli über werkeln wir weiter heiter auf Kleaw’s kreativer Baustelle.
Mit Brian und Dayna, zwei liebenswerten Neuankömmlingen im Projekt, gibt es ein wenig mehr Abwechslung im Alltag und neben vielen heiteren, gemeinsamen Abenden lernen wir auch viel lustiges “slangelish” von den gebürtigen Iren. Doch trotz der neuen GesprächspartnerInnen scharren unsere Füße im Sand. Die Sehnsucht nach Veränderung und einem Tapetenwechsel breitet sich in unseren Köpfen und unseren Gedanken zunehmend aus.


Ab Mitte Juli wird von der thailändischen Regierung kund getan, dass ein Aufenthalt nach Ende September in Thailand nur mit bestimmten Visa möglich sei, die für uns nicht in Frage kommen. Wir hören zwar von der Möglichkeit, einen Ein-Jahresvertrags in einem  Callcenter in Chiang Mai und damit ein Business Visa zu bekommen, aber die Option scheint nicht sonderlich attraktiv in unseren Augen. Brian und Dayna hingegen, deren ursprüngliche Idee es war, in Vietnam Englisch zu unterrichten, entschließen sich nun dafür, ihre Lehrertätigkeit in Thailand zu beginnen, erhalten ein Angebot mit guter Bezahlung in der Nähe von Bangkok (thailändische Lehrerinnen verdienen meistens wesentlich weniger als ausländische Lehrkräfte) und verlassen noch zwei Wochen vor uns Kleaws Nest.
Aber auch wir werden durch einen glücklichen Zufall auf eine Tätigkeit zum Geldverdienen im world wide web aufmerksam. Durch weitere Freiwillige im Projekt, die nur kurz bei Kleaw helfen, erfahren wir von der Online Plattform Italki. Wer generell eine Sprache lernen möchte und im Besonderen einen GesprächspartnerIn sucht, um sich in Sprachpraxis zu üben, kann auf Italki Menschen wie Nikolas oder mich für gemeinsame Trainingsstunden finden und buchen.
Nach relativ viel Aufwand für unser obligatorisches Profilvideo und anderen Details für unsere Online-Präsenz sprechen wir nun mehrmals die Woche mit Menschen auf der ganzen Welt, die entweder Deutsch lernen oder ihre bereits vorhandenen Deutschkenntnisse verbessern wollen. Dabei sind neben dem unterschiedlichen Sprachniveau auch die Themen, über die man sich so unterhält, sehr divers, interessant und oft unterhaltsam.
Neben einer Anfrage an Nikolas von einem norwegischen Gamer, der durch das gemeinsame Lesen von Harry Potter die Hoffnung hegt, seine deutschen Spielfreunde beim Zocken besser zu verstehen, lernte ich von einem usbekischen Urologen – zur Zeit in Köln mit seiner Doktorarbeit beschäftigt – um die Risiken der Prostata im Alter und lese mit einem Iraner “Das Kapital” von Marx. Und gerade durch die von Corona geschlossenen Grenzen öffnet sich durch unsere neue Arbeit zumindest symbolisch eines kleines Tor zur restlichen Welt. Gleichzeitig wird uns in den Stunden immer wieder bewusst, wie schwierig unsere Muttersprache eigentlich ist.

In den letzten zwei Wochen in Pai verdienen wir also seit langer Zeit mal wieder ein paar Moneten, versuchen uns in der Freizeit im Rollen auf dem Skateboard und spielen mit ein paar witzigen Männers der Kleinstadt Fußball.
Für ein paar Tage erkunden wir während unserer Zeit in Pai auch noch die Provinz Mae Hong Son. Die für ihre Strecke bekannten 800 Kurven von Pai in die gleichnamige Hauptstadt befahren wir angespannt, so häufig geht es hoch und runter. Neben sprießenden Reisfeldern, die die Berg- und Talfahrt rechts und links der Wege säumen, machen wir neben Abstechern zu manchen Aussichtspunkten auch Halt, um in einigen Höhlen zu verschwinden und diese zu erkunden.

Dabei besuchen wir auf dem Rückweg unseres mehrtägigen Ausflugs mit der Lod Cave die für uns persönlich wohl größte und atemberaubendste Höhle. Einer älteren Frau mit Petroliumlampe folgend tauchen wir ein in eine Welt, reich geschmückt mit spektulären Kristallformationen aus früherer Zeit. Unsere Kamera hat es schwer, mit dem wenig vorhandenen Licht gute Fotos als spätere Erinnerungsstütze zu knipsen. Unsere Augen hingegen sind gefesselt von den Gebilden, die an glänzende Wasserfälle oder Kreaturen, aus der eigenen Fantasie entschlüpft, erinnern. Die Decke reicht weit über unsere Köpfe hinaus, majestätisch anzusehende Stalatiken an ihr hinunter hängend und unsere Reise zurück ans Tageslicht findet viel zu schnell ihr frühes Ende.

Da uns der Süden des Landes durch die langanhaltenden Reisebeschränkungen doch noch arg fremd ist, folgen wir dem weit entfernten Meeresrauschen und packen unsere Rucksäcke. Auch unsere durch die hohe Luftfeuchtigkeit der derzeitigen Regensaison in Mitleidenschaft gezogenen Schlafsäcke werden eingerollt und Ende August machen wir uns schließlich auf, um über Chiang Mai und Bangkok auf die Insel Koh Panghan im thailändischen Golf zu reisen.
Mit ausgestatteter Massagefunktion in den Sitzen des Langstreckenbusses lassen wir also unsere Zeit im Norden hinter uns und begeben uns auf neue Pfade.

Nun führen wir seit einer Woche ein ziemlich gemütliches und wohltuendes Inselleben.
Untergekommen in einem Haus mit Pool und Küche, welches wir uns wohl nur durch die stark gesunkenen Preise leisten können, haben wir es nur 2 Minuten bis zum Strand. Und auch wenn das Wasser manchmal doch ganz schön (pipi)warm ist, glänzt das glasklare Meer mit seiner unendlichen Weite.
Allzu viel haben wir noch nicht entdecken können außer einigen Stränden, die es hier wie Sand am Meer gibt.
Neben unserem Dasein als digitale Nomaden nehmen wir das in Thailand vielerorts angebotene Muay-Thai-Training in Anspruch und feilen dabei an unserer Technik, manchmal auch mit Santo, der früher selbst in Bangkoker Stadien einige Siege einholte.

Trotz all der schönen Neuigkeiten und unserem neuen Zuhause drängt die Entscheidung über unsere Rückkehr, die uns merklich schwer fällt. Da wir es vor Corona genossen haben, per Anhalter die Welt und ihre Bewohner kennen zu lernen und über Couchsurfing noch ein bisschen tiefer in die Kulturen der Welt einzutauchen, müssen wir uns immer wieder eingestehen, dass diese Art des Reisens für dieses Jahr gewiss nicht mehr so möglich sein wird. Und auch wenn das Dasein hier ein weitaus günstigeres und sonnigeres ist als in Deutschland, so haben wir mehr Sorge, dass uns hier am Ende doch die Decke auf den Kopf fällt und ab Januar immernoch nicht wieder heiter und fröhlich gereist werden kann.
Wann genau das Ticket nach Europa mit dem Ziel Griechenland gebucht wird, ist wahrscheinlich nur noch eine Frage von Tagen, so schwer sich unsere Herzen auch damit arrangieren können.
Mit Griechenland als erstem europäischen Hafen steigen die Chancen auf noch ein paar letzte Sonnenstrahlen, bevor in Deutschland Schal und Mütze vor den immer kühleren Temperaturen ausgepackt werden müssen.
Es heißt also bald erst einmal Abschied nehmen von weiteren Abenteuern gen Osten reisend.
Das große Vorhaben für den Moment ist nun also, soviel Sonne und Schwimmgänge wie nur möglich abzugreifen und mit den Füßen in Sand zu lümmeln.

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